“Vielleicht bleibe ich für immer”

– Über Integration und deutsche Gepflogenheiten –

Kate kam vor sechs Jahren nach Deutschland. Sie lernte das einst geteilte Land aus einer neuen Perspektive kennen. Integrierte sich. Jetzt überlegt sie, für immer zu bleiben.

Bevor sich Staaten zusammentun, nähern sich die Menschen an: Wie die US-Amerikanerin Kate an die Deutschen. Bildquelle: Tvabutzku1234, gefunden auf https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Flags_USA_and_Germany.jpg

Es war in den frühen Neunzigern, als ein US-Soldat vor Kate in einer Schule in Pennsylvania stand. Der Mann erzählte ihr von einer anderen Welt. Eine Welt, umgeben von Stacheldreht und Misstrauen. Dem damaligen Westberlin. Der Soldat war lange in der Frontstadt der westlichen Welt stationiert und berichte den Schülern stolz, wie er mithalf, die Sowjetunion zu besiegen. Für Kate klangen die Erzählungen damals wie ein Märchen – heute lebt sie genau dort, wo damals die Mauer stand.

Von Pennsylvania nach Gießen

KateKate ist eine von rund 100.000 ausländischen Amerikanern in Deutschland. Die 35-Jährige kam vor sechs Jahren mit ihrer Familie nach Gießen und arbeitet seither als Erzieherin. Eigentlich wollte sie das ursprünglich gar nicht. “Deutschland war nicht meine erste Wahl”, sagt sie heute im Gespräch und lacht selbst darüber. Nach ein paar Jahren in Gießen zog sie weiter. Aus familiären Gründen orientierte sie sich um und ging nach Berlin. Sie suchte einen Neuanfang.

Der Weg scheint sich gelohnt zu haben. Ihr Bild von Deutschland ist heute ein anderes als zu Schulzeiten. In den Staaten, so erzählt sie, seien die Deutschen vor allem Bayern gewesen. Und die seltsamen Gepflogenheiten der deutschstämmigen Amerikaner in Pennsylvenia machten es auch nicht besser. “Manche reden heute noch ein seltsames Englisch”, sagt sie schmunzelnd. Die Deutschen in Berlin seien dagegen anders. Offener und multikultureller, irgendwie auch internationaler. “Man merkt, dass dieses Land in der Mitte von Europa ist. Das sorgt für viel Verständigung, glaube ich.”

Generell seien die US-Amerikaner gut in Deutschland integriert, meint Kate. In Berlin allerdings müsse sie bei der großen Zahl von 15.000 US-Einwanderern aufpassen, dass sie nicht nur innerhalb dieser Community verkehre.

Doch die amerikanischen Werte gefallen Kate noch heute. Freiheit und der “Yes-we-can”-Spirit sind zentrale Elemente des American Dream. Dieser sei heute noch lebendig. Doch nicht alles an diesem Ideal gefällt ihr. Kate meint, der “Frontier Spirit” sei in Wahrheit oft nicht viel mehr als eine idealisierte Flucht nach vorn. Gerade im Umgang mit anderen könne diese Geisteshaltung ihrer Landsleute eben auch zu Konflikten führen, da er nur das Individuum berücksichtigt.

“Du bist eine nette Amerikanerin, aber …”

Das Bild von den USA ist bei vielen Deutschen gespalten. Antiamerikanische Klischees sind in den letzten Jahren wieder salonfähig geworden. Dennoch kann Kate das Misstrauen auch verstehen, sagt sie. Sachliche Kritik sei schon in Ordnung. Nicht alles ist in ihrem Land perfekt. In Berlin kommt es oft vor, dass die Leute ihr vergiftete Komplimente machen, sagt sie: “Du bist wirklich nett, aber die Amis …” Doch die meisten Deutschen hätten ein “open mind”, glaubt Kate.

Wenn sie heute zu Hause in den Staaten ist, fällt ihr das Heimischfühlen da schon schwieriger. Die Gewohnheiten sind andere, die Mentalität der Amerikaner kommt ihr heute teilweise fremd vor. Vier Nichten und Neffen sind es, die sie immer wieder zurückkehren lassen, sagt Kate. Ansonsten vermisse sie an den USA wenig. Vielleicht die Burger. Allerdings gibt es die mittlerweile auch in Berlin. Ziemlich gute sogar. Und so gibt es wenige Dinge, die Kate zu einer schnellen Rückkehr veranlassen könnten. Ganz im Gegenteil. Heute ist es eher umgekehrt: Kate freut sich, wieder in Berlin zu sein. Die einst fremde Stadt in Europa ist heute ihr Zuhause. Und ihre Zukunft. Eines Tages will sie hier einen eigenen Kindergarten eröffnen. Wie lange sie dort bleiben will? “ Vielleicht für immer.”