Salziges Popcorn und Werbetafeln mit Obst

Kirsten Techauer redet über Vorurteile_Foto US General ConsulateVon Sabrina Winter

– Warum wir Vorurteile gegenüber den USA haben und woher sie kommen –

Amerikaner sind fett und stopfen sich täglich mit Burgern voll. Sie lieben Waffen und haben keinen Schimmer, was außerhalb der USA passiert. Deutsche dagegen sind stets pünktlich, ernähren sich nur von Bratwurst und Sauerkraut, und tragen natürlich Lederhosen. Es gibt so manche Vorurteile – sowohl über Amerikaner als auch über Deutsche. Aber wieso haben wir sie? Woher kommen sie überhaupt? Und was sind Vorurteile eigentlich?

Um der Sache auf den Grund zu gehen, fahre ich ins Amerikanische Generalkonsulat nach Leipzig. Dort treffe ich Kirsten Teschauer. Sie ist Amerikanerin, lebt aber seit über 20 Jahren in Deutschland. Heute steht sie vor der 8. Klasse einer Leipziger Oberschule und fragt in die Runde: „What have you heard about the U.S.?“ Die Schüler tragen zusammen: „Amish people, religion is important, big cars.“ Ich gehöre nicht zu der 8. Klasse, sondern beobachte nur: Kirsten Teschauer nickt lächelnd. Wenn sie nicht gerade Vorträge zum Thema Vorurteile hält, arbeitet sie beim amerikanischen Duftstoff- und Aromahersteller Bell Flavors and Fragrances. Als sie 1991 – kurz nach der Deutschen Wiedervereinigung – nach Leipzig kam, spürte Kirsten Teschauer kaum Vorurteile. „Leute aus den USA waren einfach neu. Alle waren sehr interessiert und begeistert von dem, was ich erzählte“, sagt sie.

Was sind Vorurteile?

Über Vorurteile zu reden heißt auch zu verstehen, was Vorurteile ausmacht. Die Folie der Power-Point-Präsentation von Teschauer, die sie den Achtklässlern zeigt, hat eine Antwort darauf: Sie beschreibt Vorurteile als Annahmen über bestimmte Kulturen oder Gruppen, die in unseren Köpfen stecken. Oft verbinden wir die Annahmen mit negativen Eigenschaften, die andere Leute haben. Das passiert, weil die Ideen, die wir haben, vereinfacht oder verallgemeinert sind, und uns Hintergrundwissen fehlt.

Vorurteile kommen oft aus Filmen oder dem Fernsehen. Wir sehen etwas und nehmen es für bare Münze – ohne die Zusammenhänge zu kennen. Viele Vorurteile haben einen wahren Ursprung, sie lassen sich jedoch nicht auf alle Leute übertragen. Genauso wie Deutsche nicht nur Bratwurst essen, stopfen sich Amerikaner nicht nur mit Fastfood voll. „Fährt man mit dem Auto durch Colorado, sieht man viele Werbetafeln mit Obst“, erzählt Teschauer: „Die Menschen dort achten sehr auf ihre Fitness.“

Soccer Moms und eingeschränkte Weltbilder

Ein anderes Vorurteil lautet: Amerikaner fahren große Autos. Das bestätigt zwar auch die Statistik, diese erklärt aber nicht die Hintergründe. Da sich die USA über eine große Fläche erstreckt, gibt es mehr Platz. Das bedeutet: größere Grundstücke, weitere Wege zur Arbeit oder zum Supermarkt, schlechte öffentliche Verkehrsanbindungen. Außerdem ist das Benzin günstiger. Da lohnt es sich für viele, ein großes Auto zu haben. „Vielleicht habt ihr schon mal von ‚soccer moms‘ gehört“, fragt Teschauer in die Runde der 8. Klasse. „Sie fahren SUVs (große Geländewagen) damit sie alle Kinder aus der Nachbarschaft zum Fußballtraining fahren können. So wechseln sich die Nachbarn ab und eine Mom muss nicht jede Woche fahren.“ Klingt logisch, denn wie gesagt: Die Wege sind oft weit.

Und was denken Amerikaner über Deutsche? Kirsten Teschauer weiß eine Antwort: „Deutsche gelten als pünktlich und effizient, aber auch als formal und streng. Die Deutsche Sprache klingt in amerikanischen Ohren hart und ein wenig militärisch. Und im Deutschen gibt es die ‚Sie-Form‘. Das ist sehr ungewöhnlich für jemanden aus den USA, denn man käme nie auf die Idee Kollegen oder Nachbarn mit ‚Sie‘ anzusprechen.“ Als sie das sagt, wird mir bewusst: Aus den Augen anderer kann die eigene Welt ganz anders aussehen.

Umgedreht klagen Europäer oftmals darüber, dass Amerikaner so wenig über die Welt wüssten und am liebsten in zwei Wochen durch ganz Europa reisten. Das halten manche für „arrogant“. Doch auch dahinter steckt eine Erklärung: Viele Amerikaner haben nur wenig Urlaub. Wenn sie alle Urlaubstage zusammenlegen, kommen manche gerade einmal auf zehn Tage. (Zum Vergleich: Der gesetzliche Mindesturlaub eines deutschen Angestellten liegt bei 24 Tagen). Wenn Amerikaner sich dann entschließen, acht Stunden über den Atlantik zu fliegen, wollen sie in Europa möglichst viele Länder und Städte sehen. Das habe nichts damit zu tun, dass sie alle ignorant wären oder sich nicht genug für andere Länder interessieren würden.

Enttäuscht vom deutschen Popcorn

Kirsten Teschauer hat noch eine andere Geschichte parat. Als sie das erste Mal in Deutschland ins Kino ging, war sie enttäuscht. Warum? Das Popcorn war süß! In Amerika gibt es in vielen Kinos nur salziges Popcorn. „Süßes Popcorn hatte ich einfach nicht erwartet“, sagt Teschauer.

„Andere Länder, andere Sitten“, lautet ein Sprichwort. Das klingt zwar nach Klischee, aber es ist etwas dran. In anderen Kulturen gibt es andere Bräuche und Traditionen. Auch gesellschaftliche Werte und Verhaltensweisen unterscheiden sich. Dafür Verständnis aufzubringen, ist nicht immer leicht. Um große Fauxpas zu vermeiden, hat Teschauer einen Tipp: „Einfach offen sein, versuchen Gründe zu verstehen und zu lernen. Und wenn es wirklich zu einem Missverständnis kommt – nicht überbewerten!“