Buchkritik

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Anna Sophie mit der Autorin Amy Bloom

Buchkritik Wir Glücklichen
Von Anna Sophie Schröder

Von Schwesterliebe, großen Träumen und dem Ringen mit dem Schicksal
„Mögen die Scharniere unserer Freundschaft niemals rosten“, sagte Iris. – „Recht so“, sagte ich, und wir hakten uns unter und kippten den Gin.

Mit vierzehn Jahren folgt Eva ihrer Halbschwester Iris fort aus Ohio nach Hollywood. Dort schickt sich die verwegene Iris an, eine berühmte Schauspielerin zu werden. Beide jung von den Müttern verlassen, lassen sie nichts außer dem traumtänzerischen Vater zurück. Während Iris sich in die dekadente Welt Hollywoods‘ der vierziger Jahren stürzt, bleibt Eva in der Untermieterwohnung, die nun ihr neues Zuhause ist. Sie organisiert das, was ihr von ihrem Leben noch bleibt und steckt ihre Nase in Bücher anstatt in die Schule zu gehen.

„Ich war in der zwölften Klasse, sah aus wie elf und hatte bereits zwei Klassen übersprungen. Hätte man uns gefragt, wir hätten beide gesagt, dass ich weitere Schulbildung so dringend benötigte wie ein Katze mehr Fell.“ 

Wie ferngesteuert unterstützt sie Iris in ihrem Traum, ohne dabei groß an sich selbst und ihre eigene Zukunft zu denken. Das Glück ist dem ungleichen Schwesterpaar trotz Iris anfänglichem Erfolg in der High Society nicht hold. Die geheime Liebschaft von Iris zu einer berühmten Schauspielerin fliegt auf und alle Türen nach oben scheinen sich ihr zu verschließen. Kurzerhand ziehen sie mit ihrem überraschend auftauchenden Vater weiter nach New York. Dort finden sie durch die Empfehlung eines Freundes Unterschlupf bei einer neureichen italienischen Familie auf Long Island. Der Vater gibt sich als verarmter britischer Adliger aus, um eine Butlerstelle antreten zu dürfen und Iris übernimmt als Gouvernante die Aufsicht für die ältesten drei Kinder. Iris tut ihr Bestes, um an ihrem Traum der großen Bühne festzuhalten. Sie muss sich aber eingestehen, dass dieser seinen einstigen Glamour für immer verloren hat. Eva verdient sich unterdessen ein paar Dollar hinzu, indem sie Tarotkarten für unglückliche Frauen in einem Friseurladen legt. Beide hadern mit ihrem Schicksal, das durch neue Freunde, neue Hindernisse und dem zweiten Weltkrieg durcheinandergewirbelt wird. Doch ist es am Ende ist nichts mehr wie es war: Iris geht für eine neue  Liebe einen Schritt zu weit und Eva muss zusehen, wie ihre Schwester einen ihrer besten Freunde ins Unglück stürzt.

Trotz fehlender Familienerinnerungen an die Zeit der 40er Jahre versteht es die Amerikanerin Amy Bloom, das Alltagsleben und die unterschwelligen Gefühle ihrer Hauptcharaktere gut in Worte zu fassen und Stimmungen einzufangen. Die Schriftstellerin sei von den 40er Jahren fasziniert gewesen – auch, weil sie so ein großer Jazzfan ist. Nicht umsonst ist jede Kapitelüberschrift an den Titel eines Jazzsongs dieser Ära angelehnt. Bloom habe sich ebenfalls dafür interessiert, wie der Alltag einer Putzfrau, eines Soldaten, eines normalen Menschen während des zweiten Weltkriegs in Amerika gewesen sei. Doch ohne ihre ältere Schwester wäre das Buch trotz ihres musikalischen Interesses nicht entstanden, sagte sie auf einer Lesung im Rahmen von „Leipzig liest“ am 12. März 2015. Mit ihrer Schwester Ellen verband sie eine ähnlich tiefe Freundschaft wie Eva mit Iris.

Wäre das Buch emotionaler geschrieben, könnte man es fast als ein Drama bezeichnen. Aber durch den neutralen, fast sachlichen Erzählstil der Protagonistin Eva hat man eher das Gefühl, Zuschauer bei einer Achterbahn des Lebens zu sein. Das lässt einen klareren Blick auf die Situation der Protagonisten zu, aber schützt nicht davor, ihre Emotionen nachzufühlen. Plötzliche Wendungen bringen Schwung in die Handlung und wirken trotz allem wie vorhersehbar, als wären sie konstruiert – oder schöner gesagt, vom Schicksal bestimmt. Das tut der Spannung aber erstaunlicherweise keinen Abbruch. Es ist berührend zu beobachten, wie unterschiedlich die Charaktere mit den Schicksalsschlägen umgehen. Dazu benutzt die Autorin auch die Form von Briefen, die Eva selbst schreibt oder von ihrem besten Freund Gus und später auch von Iris bekommt. Sie offenbaren einen tieferen Einblick darauf, wie die Charaktere sich selbst sehen und wie sie ihr eigenes Handeln sehen.  Manche Reaktionen auf einschneidende Erlebnisse lassen Jahre auf sich warten, manche folgen dem tragischen Ereignis auf dem Fuß und wieder andere lassen sich gar nicht richtig erklären. So dauert es bei Eva mehrere Jahre, bis sie wahre Wut auf ihre leibliche Mutter empfindet und begreift, was damals geschah, als sie von ihr bei ihrem Vater auf der Veranda zurückgelassen wurde. Mit einundzwanzig trifft sie ihre Mutter in deren neuen Heim. Hier offenbart sich die Charaktertiefe, die Bloom ihren Figuren verleiht.

„Ich wollte nicht mit ihr reden. Ich wollte sie ausnehmen wie einen Fisch.“ Und obwohl Eva sich Mühe gibt, verläuft das Gespräch mit ihrer Mutter nicht so, wie sie es sich erhofft hatte. Am Ende kommt jedoch ihr ganzer aufgestauter Zorn zum Ausdruck, als sie sich von ihrer Mutter verabschiedet. Diese bietet ihr noch an, einer ihrer Shows beizuwohnen. „Deine Show sehen?“, sagte ich. „Ich würde nicht mal auf dich pissen – selbst wenn du in Flammen stehen würdest.“

Tiefe als auch Oberflächlichkeit, Humor und Ironie, ein wenig Wehmut  – das alles stBuchcover_LuckyUseckt in diesem Buch. Doch erst der Optimismus der Schwestern und ihre unaufhaltsame Liebe zuein
ander machen dieses Buch  lesenswert. Die großen und kleinen Dinge, an denen sie wachsen oder scheitern, können Vorbild für uns sein. Insgesamt ist es eine alltägliche Geschichte vom Scheitern und Wiederaufstehen in einer Epoche eines umfassenden Umbruchs.

Das Buch „Wir Glücklichen“ von Amy Bloom erschien 2015 im Hoffmann & Campe Verlag (Hamburg) und ist als gebundene Version für 22,00€ im Buchhandel erhältlich. Die Originalversion erschien 2014 unter dem Titel „Lucky Us“ bei Random House, New York.