Die Sonne Kaliforniens in Leipzig

02avon Friederike Huff

Porträt einer US-Amerikanerin in Deutschland

Die Macht des Klischees: Als Claire (22) in den Raum kommt und mit einem breiten Lächeln und ebenso breitem kalifornischen Akzent von ihrem Leben erzählt, sind gleich die Bilder da: endloser Sommer, Surferboys am Strand, die mit ihren Boards nach der Surfsession gleich in ihr Stelzenhaus joggen. Und irgendwo in meinem Kopf beginnt Albert Hammond „It never rains in Southern California“ zu singen.

Claire kommt zwar nicht aus Malibu, aber immerhin aus Manhattan Beach, südlich von Los Angeles. Als Kind hat sie zwei Minuten vom Strand entfernt gewohnt und für sie war es normal, nach der Schule mal eben surfen zu gehen. „But it pours“ („aber es hagelt“), singt Hammond weiter in dem Song und auch Claire ist sich ihrer privilegierten Situation bewusst und sieht die Schattenseiten der amerikanischen, speziell der kalifornischen Gesellschaft. „Für mich war es normal, so zu leben und dafür bin ich auch sehr dankbar, aber für die meisten Kalifornier ist das ganz anders. Es gibt dort viele Einwanderer, zum Beispiel aus Mexiko oder Mittelamerika, die nicht so ein gutes Leben haben. Dieser idealisierte SoCal-Lifestyle, an den die ganze Welt denkt, nicht nur die Deutschen, ist nicht die Wahrheit für die meisten.“ (SoCal ist dabei die Abkürzung von Southern California.)

Um die Welt zu sehen, hat Claire schon in der Highschool die sonnigen Gefilde Kaliforniens für ein Jahr verlassen und ein Auslandsjahr in Budapest verbracht. Nun lebt sie seit vier Monaten in Deutschland und schließt hier ihren Bachelor ab. Andere Kulturen will sie während ihres Jahres im Ausland kennenlernen, auch viel über sich selbst und ihre eigene Identität herausfinden, wer sie ist und was sie mit ihrem Leben machen will.

Was mag sie an Deutschland, was ist hier anders als in den USA? „In Kalifornien ist alles viel extremer und die Menschen in Los Angeles zeigen durch Autos, Häuser und Schmuck, wie viel Geld sie haben. In Deutschland sind die Leute viel entspannter und es ist nicht so wichtig, seinen Reichtum zu zeigen.“ Obwohl wir hier in Deutschland auch Subway oder McDonald`s haben und News über die Stars von der anderen Seite des Atlantiks seit jeher gefragt sind, ist der Lifestyle in Deutschland also ein ganz anderer. Sie beschreibt, dass jeder in den USA sehr “busy” ist, immer arbeiten und Geld verdienen will. In Deutschland liege der Fokus mehr auf der seelischen Gesundheit, darauf, mal einen Kaffee zu trinken und seine Freizeit zu genießen.

Aber den amerikanischen Lebensstil will sie nicht einfach ablegen, Claire liegt einiges an ihrer Heimat. Am meisten vermisst sie amerikanisches Essen und, wer hätte es gedacht, ihr Auto. Das Klischee, die Amerikaner würden immer Auto fahren, stimmt also. „Da, wo ich herkomme, nimmt man immer das Auto, in größeren Städten wie New York City oder Washington, D.C. gibt es zwar ein gutes Nahverkehrsnetz, in den ländlichen Regionen fährt aber jeder Auto. Auch ich fahre überall mit dem Auto hin.“ Und die anderen Klischees, stimmen die auch? Etwa, dass Amerikaner nur Fast Food essen? Claire kann sich nicht mehr erinnern, wann sie das letzte Mal bei McDonald`s war. Fast Food ist für sie eher Essen für Leute, die kein Geld für teureres Essen haben. Sie folgt dem südkalifornischen Trend all derjenigen, die es sich leisten können, und sucht eher gesündere Alternativen, achtet nicht nur auf gesundes Essen, sondern auch auf eine allgemeine Work-Life-Balance. „Glutenfreies Essen, vegan, vegetarisch oder Saftdiäten sind auch bei mir gerade total im Trend.“

Umgeben von Deutschen fühlt sich Claire durch ihren ausgeprägten Drang, dieses deutsche Leben mit Freunden und Familie in Kalifornien zu teilen, manchmal so richtig amerikanisch. „Ich bin echt süchtig nach meinem Handy, ich schau dort eigentlich immer drauf und bin immer auf Instagram, Facebook oder Snapchat. Wir Amerikaner wollen unser Leben zeigen, nicht privat sein. Hey, ich bin für ein Jahr in Deutschland und will das auch zeigen. Ich will immer Snaps machen und Fotos auf Instagram hochladen, aber das ist in Deutschland irgendwie nicht so eine große Sache.“

“Vielleicht bleibe ich für immer”

– Über Integration und deutsche Gepflogenheiten –

Kate kam vor sechs Jahren nach Deutschland. Sie lernte das einst geteilte Land aus einer neuen Perspektive kennen. Integrierte sich. Jetzt überlegt sie, für immer zu bleiben.

Bevor sich Staaten zusammentun, nähern sich die Menschen an: Wie die US-Amerikanerin Kate an die Deutschen. Bildquelle: Tvabutzku1234, gefunden auf https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Flags_USA_and_Germany.jpg

Es war in den frühen Neunzigern, als ein US-Soldat vor Kate in einer Schule in Pennsylvania stand. Der Mann erzählte ihr von einer anderen Welt. Eine Welt, umgeben von Stacheldreht und Misstrauen. Dem damaligen Westberlin. Der Soldat war lange in der Frontstadt der westlichen Welt stationiert und berichte den Schülern stolz, wie er mithalf, die Sowjetunion zu besiegen. Für Kate klangen die Erzählungen damals wie ein Märchen – heute lebt sie genau dort, wo damals die Mauer stand.

Von Pennsylvania nach Gießen

KateKate ist eine von rund 100.000 ausländischen Amerikanern in Deutschland. Die 35-Jährige kam vor sechs Jahren mit ihrer Familie nach Gießen und arbeitet seither als Erzieherin. Eigentlich wollte sie das ursprünglich gar nicht. “Deutschland war nicht meine erste Wahl”, sagt sie heute im Gespräch und lacht selbst darüber. Nach ein paar Jahren in Gießen zog sie weiter. Aus familiären Gründen orientierte sie sich um und ging nach Berlin. Sie suchte einen Neuanfang.

Der Weg scheint sich gelohnt zu haben. Ihr Bild von Deutschland ist heute ein anderes als zu Schulzeiten. In den Staaten, so erzählt sie, seien die Deutschen vor allem Bayern gewesen. Und die seltsamen Gepflogenheiten der deutschstämmigen Amerikaner in Pennsylvenia machten es auch nicht besser. “Manche reden heute noch ein seltsames Englisch”, sagt sie schmunzelnd. Die Deutschen in Berlin seien dagegen anders. Offener und multikultureller, irgendwie auch internationaler. “Man merkt, dass dieses Land in der Mitte von Europa ist. Das sorgt für viel Verständigung, glaube ich.”

Generell seien die US-Amerikaner gut in Deutschland integriert, meint Kate. In Berlin allerdings müsse sie bei der großen Zahl von 15.000 US-Einwanderern aufpassen, dass sie nicht nur innerhalb dieser Community verkehre.

Doch die amerikanischen Werte gefallen Kate noch heute. Freiheit und der “Yes-we-can”-Spirit sind zentrale Elemente des American Dream. Dieser sei heute noch lebendig. Doch nicht alles an diesem Ideal gefällt ihr. Kate meint, der “Frontier Spirit” sei in Wahrheit oft nicht viel mehr als eine idealisierte Flucht nach vorn. Gerade im Umgang mit anderen könne diese Geisteshaltung ihrer Landsleute eben auch zu Konflikten führen, da er nur das Individuum berücksichtigt.

“Du bist eine nette Amerikanerin, aber …”

Das Bild von den USA ist bei vielen Deutschen gespalten. Antiamerikanische Klischees sind in den letzten Jahren wieder salonfähig geworden. Dennoch kann Kate das Misstrauen auch verstehen, sagt sie. Sachliche Kritik sei schon in Ordnung. Nicht alles ist in ihrem Land perfekt. In Berlin kommt es oft vor, dass die Leute ihr vergiftete Komplimente machen, sagt sie: “Du bist wirklich nett, aber die Amis …” Doch die meisten Deutschen hätten ein “open mind”, glaubt Kate.

Wenn sie heute zu Hause in den Staaten ist, fällt ihr das Heimischfühlen da schon schwieriger. Die Gewohnheiten sind andere, die Mentalität der Amerikaner kommt ihr heute teilweise fremd vor. Vier Nichten und Neffen sind es, die sie immer wieder zurückkehren lassen, sagt Kate. Ansonsten vermisse sie an den USA wenig. Vielleicht die Burger. Allerdings gibt es die mittlerweile auch in Berlin. Ziemlich gute sogar. Und so gibt es wenige Dinge, die Kate zu einer schnellen Rückkehr veranlassen könnten. Ganz im Gegenteil. Heute ist es eher umgekehrt: Kate freut sich, wieder in Berlin zu sein. Die einst fremde Stadt in Europa ist heute ihr Zuhause. Und ihre Zukunft. Eines Tages will sie hier einen eigenen Kindergarten eröffnen. Wie lange sie dort bleiben will? “ Vielleicht für immer.”