Sagt jetzt bitte nichts!

Claire und Neil aus den USA waren zu Gast bei der Mitteldeutschen Medienakademie. Statt Worten gab es Pantomime.

  • SAGT JETZT BITTE NICHTS!
  • Claire und Neil sind US-Amerikaner, die in Deutschland gelandet sind.
  • Wie war euer Leben, bevor ihr nach Deutschland kamt?
  • Was waren eure Hobbies in der Heimat?
  • Welche Vorurteile gegenüber US-Amerikaner sind euch hier begegnet?
  • Was dachtet ihr damals, wie die Menschen in Deutschland so drauf sind?
  • Und wie sind wir wirklich drauf?
  • Was dachten eure Freunde, als ihr verkündet habt, nach Deutschland zu gehen?
  • Und womit verbringt ihr jetzt eure Zeit hier?
  • Wie gut, dass Claire und Neil so unironisch stolz auf ihr Land sind!

“Vielleicht bleibe ich für immer”

– Über Integration und deutsche Gepflogenheiten –

Kate kam vor sechs Jahren nach Deutschland. Sie lernte das einst geteilte Land aus einer neuen Perspektive kennen. Integrierte sich. Jetzt überlegt sie, für immer zu bleiben.

Bevor sich Staaten zusammentun, nähern sich die Menschen an: Wie die US-Amerikanerin Kate an die Deutschen. Bildquelle: Tvabutzku1234, gefunden auf https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Flags_USA_and_Germany.jpg

Es war in den frühen Neunzigern, als ein US-Soldat vor Kate in einer Schule in Pennsylvania stand. Der Mann erzählte ihr von einer anderen Welt. Eine Welt, umgeben von Stacheldreht und Misstrauen. Dem damaligen Westberlin. Der Soldat war lange in der Frontstadt der westlichen Welt stationiert und berichte den Schülern stolz, wie er mithalf, die Sowjetunion zu besiegen. Für Kate klangen die Erzählungen damals wie ein Märchen – heute lebt sie genau dort, wo damals die Mauer stand.

Von Pennsylvania nach Gießen

KateKate ist eine von rund 100.000 ausländischen Amerikanern in Deutschland. Die 35-Jährige kam vor sechs Jahren mit ihrer Familie nach Gießen und arbeitet seither als Erzieherin. Eigentlich wollte sie das ursprünglich gar nicht. “Deutschland war nicht meine erste Wahl”, sagt sie heute im Gespräch und lacht selbst darüber. Nach ein paar Jahren in Gießen zog sie weiter. Aus familiären Gründen orientierte sie sich um und ging nach Berlin. Sie suchte einen Neuanfang.

Der Weg scheint sich gelohnt zu haben. Ihr Bild von Deutschland ist heute ein anderes als zu Schulzeiten. In den Staaten, so erzählt sie, seien die Deutschen vor allem Bayern gewesen. Und die seltsamen Gepflogenheiten der deutschstämmigen Amerikaner in Pennsylvenia machten es auch nicht besser. “Manche reden heute noch ein seltsames Englisch”, sagt sie schmunzelnd. Die Deutschen in Berlin seien dagegen anders. Offener und multikultureller, irgendwie auch internationaler. “Man merkt, dass dieses Land in der Mitte von Europa ist. Das sorgt für viel Verständigung, glaube ich.”

Generell seien die US-Amerikaner gut in Deutschland integriert, meint Kate. In Berlin allerdings müsse sie bei der großen Zahl von 15.000 US-Einwanderern aufpassen, dass sie nicht nur innerhalb dieser Community verkehre.

Doch die amerikanischen Werte gefallen Kate noch heute. Freiheit und der “Yes-we-can”-Spirit sind zentrale Elemente des American Dream. Dieser sei heute noch lebendig. Doch nicht alles an diesem Ideal gefällt ihr. Kate meint, der “Frontier Spirit” sei in Wahrheit oft nicht viel mehr als eine idealisierte Flucht nach vorn. Gerade im Umgang mit anderen könne diese Geisteshaltung ihrer Landsleute eben auch zu Konflikten führen, da er nur das Individuum berücksichtigt.

“Du bist eine nette Amerikanerin, aber …”

Das Bild von den USA ist bei vielen Deutschen gespalten. Antiamerikanische Klischees sind in den letzten Jahren wieder salonfähig geworden. Dennoch kann Kate das Misstrauen auch verstehen, sagt sie. Sachliche Kritik sei schon in Ordnung. Nicht alles ist in ihrem Land perfekt. In Berlin kommt es oft vor, dass die Leute ihr vergiftete Komplimente machen, sagt sie: “Du bist wirklich nett, aber die Amis …” Doch die meisten Deutschen hätten ein “open mind”, glaubt Kate.

Wenn sie heute zu Hause in den Staaten ist, fällt ihr das Heimischfühlen da schon schwieriger. Die Gewohnheiten sind andere, die Mentalität der Amerikaner kommt ihr heute teilweise fremd vor. Vier Nichten und Neffen sind es, die sie immer wieder zurückkehren lassen, sagt Kate. Ansonsten vermisse sie an den USA wenig. Vielleicht die Burger. Allerdings gibt es die mittlerweile auch in Berlin. Ziemlich gute sogar. Und so gibt es wenige Dinge, die Kate zu einer schnellen Rückkehr veranlassen könnten. Ganz im Gegenteil. Heute ist es eher umgekehrt: Kate freut sich, wieder in Berlin zu sein. Die einst fremde Stadt in Europa ist heute ihr Zuhause. Und ihre Zukunft. Eines Tages will sie hier einen eigenen Kindergarten eröffnen. Wie lange sie dort bleiben will? “ Vielleicht für immer.”

Ein Amerikaner in Leipzig

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Neil hat eine glückliche Gelegenheit genutzt und sich auf den Weg zu uns über den großen Teich gemacht. Die Workshopgruppe um Lea und Lisa hat ihn in Leipzig getroffen. Zwei Texte, zwei Perspektiven.

 

Text 1 von Lisa Mönch

„Ich denke jetzt globaler“

Neil war ein normaler Junge aus Ohio, bis er seinen Wunsch verwirklichte: die Welt außerhalb der USA kennenzulernen. „Aus Ohio kommen 27 Astronauten. Auch die wollten raus aus Ohio, niemand will dort bleiben.“ Für Neil musste es zwar nicht gleich der Weltraum sein, aber raus wollte auch er. Nur wohin, wusste er noch nicht.

In der 10. Klasse meldete er sich für einen Schüleraustausch, und wie es das Schicksal wollte, landete sein Flieger in Deutschland. Sein erster Wunsch war es eigentlich nicht, aber jetzt sollte sich etwas in seinem Leben ändern: „Ich bin reifer und selbstständiger geworden und habe gelernt, mir meine Zeit einzuteilen. Das heißt, das zu machen, was ich wirklich machen möchte. Also das Gegenteil vom amerikanischen ‚Business‘, wobei man ständig unter Druck steht, jederzeit etwas tun zu müssen.“

Nach einiger Zeit in Deutschland sind ihm die Unterschiede zu seiner Heimat ganz schnell bewusst geworden: „In Amerika gibt es diesen Spruch, man soll niemals über Politik, Religion oder Geld sprechen. Es gibt unter Freunden nur Smalltalk, ansonsten entsteht sofort Streit, weil jeder nur sagt: Ich habe Recht.“ Neil hat sein Denken in Deutschland verändert und sieht nun, im Gegensatz zu seinen Freunden in Amerika, die Welt in neuen Farben.

„Nach diesem Jahr hatte ich einen Traum: Ich wollte Englisch in Deutschland unterrichten.“ Und so ist es gekommen: Heute lebt er in Leipzig und unterrichtet an einer Berufsschule seine Muttersprache Englisch. Mit seinen Deutschkenntnissen kann er glänzen und bringt nun Deutschen die US-amerikanische Kultur und Sprache bei.

Hier fühlt er sich wohl, hier hat er ein stabiles Leben. „Man wird nicht reich und kann doch ein gutes Leben führen“, sagt er zufrieden. Darum spricht für ihn nichts dagegen hierzubleiben, aber auch nichts dagegen weiterzugehen. Und sein größter Wunsch? Dass Amerika lernt globaler zu denken, so wie er es tat und immer noch tut!


Text 2 von Lea Ehrlicher

„Meister der deutschen Sprache“

02bDer US-Amerikaner Neil ist 22 Jahre alt, er kommt aus Ohio, einer kleinen Stadt in den Vereinigten Staaten von Amerika. Er wirkt aufgeschlossen gegenüber anderen Menschen, und so erzählt er uns von sich: Neil hat in Ohio studiert und entschied sich für ein Austauschprogramm. Unter zehn Ländern konnte er wählen, schließlich brachte es ihn nach Deutschland.

Er sagt, dass es schon schwer für ihn war, die deutsche Sprache zu lernen. Aber dass er es gut gemeistert hat, konnte man deutlich hören. Trotzdem schwingt ein leichter amerikanischer Akzent mit.

Was gefällt ihm an Deutschland? „Mir gefällt, dass die Menschen in Deutschland nicht so viel Stress und Druck machen. Ich mag auch das Essen und die Kultur. Was mir hier nicht gefällt, ist, dass Schüler nach der vierten Klasse wählen müssen, ob sie in eine Regelschule oder auf ein Gymnasium gehen wollen.“

Gleichzeitig gibt es vieles, das ihm in den Staaten nicht gefällt. Zum Beispiel, „dass dort den Menschen nicht erklärt wird, wie Politik funktioniert und wie man darüber diskutiert. Mir gefällt aber, dass in Amerika die Menschen aufeinanderzugehen und miteinander reden und gemeinsam Sachen unternehmen“, erzählt er.

Neil unterrichtet als Englischlehrer an einer Berufsschule in Leipzig. Seine Entscheidung, nach Deutschland zu kommen, hat sein Leben schlagartig verändert. Eine Gelegenheit, die er so nie wieder in seinem Leben bekommen würde. Er wünscht sich, „dass das amerikanische Bildungssystem mehr auf die Globalisierung eingeht und auch auf die Selbständigkeit der Schülerinnen und Schüler achtet.“